Cenî Kurdistan

Kurdisches Frauenbüro für Frieden

Cenî e.V. · Editorial 2026

Frauen, Frieden, Widerstand — Warum feministische Friedensarbeit heute mehr zählt denn je

Cenî Kurdistan Redaktion Juni 2026 target

In einer Zeit, in der bewaffnete Konflikte wieder in den Mittelpunkt des globalen Diskurses rücken und autoritäre Tendenzen in zahlreichen Gesellschaften zunehmen, hat feministische Friedensarbeit an Dringlichkeit und Relevanz gewonnen. Frauen sind nicht nur überproportional von Kriegsfolgen betroffen — sie sind auch, wie jahrzehntelange Erfahrung zeigt, unverzichtbare Akteurinnen in Prozessen der Deeskalation, des Wiederaufbaus und der dauerhaften Versöhnung.

Das steht im Kern dessen, was Organisationen wie Cenî Kurdistan seit ihrer Gründung antreibt: die Überzeugung, dass ein echter Frieden ohne die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen weder möglich noch nachhaltig ist. Friedensengagement bedeutet für uns nicht nur das Eintreten gegen Kriege und Unterdrückung. Es bedeutet den aktiven Einsatz für eine freie, ökologische und sozial gerechte Gesellschaft — jenseits patriarchaler Herrschaftsstrukturen.

Frauen als Friedensarchitektinnen

Studien des UN Women-Instituts und unabhängiger Forschungseinrichtungen belegen seit Jahren, dass Friedensabkommen, an deren Aushandlung Frauen maßgeblich beteiligt waren, deutlich länger halten und breiter akzeptiert werden. Dennoch sind Frauen in formellen Friedensprozessen nach wie vor massiv unterrepräsentiert — ein Widerspruch, der nicht nur politisch unbefriedigend, sondern schlicht strategisch unklug ist.

Die Erfahrungen aus Kurdistan, dem Nahen Osten und anderen Konfliktregionen zeigen: Frauen verfügen häufig über Netzwerke, Vertrauensstrukturen und Vermittlungskompetenzen, die staatlichen oder militärischen Akteuren schlicht fehlen. Lokale Frauenräte, Kriseninterventionsgruppen und feministische Gemeinschaftsinitiativen schließen Lücken, die offizielle Diplomatie offen lässt. Ihre Arbeit ist selten sichtbar — und genau deshalb systematisch unterschätzt.

Frieden ist kein Zustand, der verhandelt und dann verwaltet wird. Er ist eine tägliche Praxis — und Frauen kennen diese Praxis seit Generationen.

Aktuelle Schwerpunkte feministischer Friedensarbeit in 2026

Das Jahr 2026 bringt einige besonders relevante Entwicklungen, die feministische Organisationen weltweit beschäftigen. In mehreren Ländern des Nahen Ostens und Zentralasiens werden Verfassungsprozesse eingeleitet, bei denen die Frage der rechtlichen Gleichstellung von Frauen zentral ist. Gleichzeitig wächst die Zahl der Frauen, die als politische Gefangene inhaftiert sind oder wegen friedlicher Aktivitäten strafrechtlich verfolgt werden.

Internationale Solidarität ist deshalb keine abstrakte Forderung, sondern ein konkretes Handlungsfeld. Dazu gehören Delegation sreisen in Konfliktregionen, die Begleitung von Strafprozessen, öffentliche Kampagnen und die Vernetzung zwischen Frauenorganisationen aus verschiedenen Ländern und kulturellen Kontexten. Cenî Kurdistan koordiniert derartige Initiativen seit über zwei Jahrzehnten und hat dabei Erfahrungen gesammelt, die weit über das hinausgehen, was kurzfristig angelegte Projekte leisten können.

Bildung als politisches Instrument

Ein oft unterschätzter Aspekt feministischer Friedensarbeit ist die politische Bildung — nicht nur von Frauen, sondern ausdrücklich auch von Männern und Jugendlichen. Antisexistische Bildungsarbeit ist keine weiche Ergänzung zu hartem politischen Engagement: Sie ist eine seiner Voraussetzungen. Gesellschaften, in denen geschlechtsspezifische Gewalt normalisiert ist, produzieren unweigerlich auch andere Formen struktureller Gewalt.

Bildungsveranstaltungen zu Themen wie Femizid, Zwangsheirat und häuslicher Gewalt schaffen Bewusstsein und eröffnen Handlungsspielräume — für Betroffene, für Unterstützerinnen, aber auch für diejenigen, die bisher keine Verbindung zwischen diesen Themen und dem größeren Kontext politischer Gerechtigkeit gesehen haben. Die Seminare und Workshops von Cenî versuchen genau diese Verbindung herzustellen: zwischen dem Persönlichen und dem Politischen, zwischen dem Lokalen und dem Globalen.

Internationale Vernetzung als Stärke

Was feministische Friedensinitiativen besonders widerstandsfähig macht, ist ihre Fähigkeit zur Vernetzung über nationale und kulturelle Grenzen hinweg. Cenî ist Mitglied internationaler Dachorganisationen wie der International Women's Alliance und der Women's International Democratic Federation — Strukturen, die Erfahrungsaustausch, gemeinsame Positionierungen und koordiniertes Handeln ermöglichen.

In einer Zeit, in der rechte und autoritäre Kräfte ebenfalls transnational operieren und sich koordinieren, ist eine starke internationale Vernetzung progressiver Frauenorganisationen kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Das jährliche Zilan Frauenfestival ist ein sichtbarer Ausdruck dieser Vernetzung — ein Ort des Austauschs, der Stärkung und der gemeinsamen politischen Positionierung.


Solidarität braucht keine Grenzen — auch keine geografischen

Feministische Friedensarbeit ist immer auch Reisearbeit — im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Delegationsreisen nach Kurdistan, in den Irak, nach Syrien oder in die Türkei sind keine touristischen Unternehmungen. Sie sind Akte politischer Solidarität, die Menschen aus Europa in direkten Kontakt mit Realitäten bringen, die in hiesigen Medien selten ausreichend Raum finden. Wer einmal an einer solchen Reise teilgenommen hat, kehrt verändert zurück — mit einem anderen Blick nicht nur auf die besuchte Region, sondern auch auf die eigene Gesellschaft und ihre Widersprüche.

Diese Form der verkörperten Solidarität — der physischen Anwesenheit in Räumen, die man nicht kennt, des Zuhörens, des gemeinsamen Handelns — lässt sich durch keine Videokonferenz und kein Social-Media-Engagement vollständig ersetzen. Sie bleibt eine der wertvollsten Ressourcen internationaler Frauenbewegungen, auch im Jahr 2026.

Die hier skizzierten Themen und Aktivitäten sind nur ein Ausschnitt aus einer vielschichtigen Arbeit, die seit über 25 Jahren geleistet wird. Für weitere Informationen, aktuelle Berichte und Möglichkeiten der Unterstützung besuchen Sie das vollständige Cenî-Archiv — mit Analysen, Berichten aus erster Hand und Ressourcen für solidarisches Handeln.